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GELÄCHTER, SORTIERT Lutz Rathenow liest aus neuem Gedichtband und Liebesgeschichten aus mehreren Büchern.
Lesung am 07.10.2008, 19.30 Uhr
Merkwürdige Menschen bevölkern Rathenows Geschichten und Gedichte. Erschreckend normal oder seltsam aufmüpfig. Sie versuchen Nähe zu vermeiden und stolpern über Menschen. In Anspielung auf ein vielfach missbrauchtes Adjektiv könnte man sagen: sie sind berlinesk. Politisches und Privates mischen sich auch in dem Gedichtband, Berührungsge-schichten gestalten verschiedene Konstellationen über das sanfte Verrücktsein einer Stadt, die sich immer neu erfinden will und deren Akteure in verschiedenen Zeitzonen leben. Mit Rathenows Band soll eine exklusive neue literarische Reihe eröffnet werden, herausgegeben vom Entdecker Edgar Hilsenraths (Helmut Braun). Das skeptisch fröhliche spirituelle Spiel in einer Welt zwischen der Golden Gate Bridge in San Franzisco, einer Nazi-Bergfestung und dem Stierkampf in Sevillia beschäftigen sich oft mit dem Sterben. Hinreissend komische Fußballgedichte und ernste über den toten Dichter Wolfgang Hilbig und Graffiti in der Groß-stadt ergeben eine eigenwillige Mischung von Pathos und Pathosverhöhnung. Am Ende des Bandes tauchen Anfang der Neunziger geschriebene Gedichte auf- Botschaften von der düster-heiteren Auflösung eines Staatswesens.
Rathenow liest auch aus „Ostberlin – Leben vor dem Mauerfall“ - einem vielschichtigen Dokument über die DDR – vor allem durch die vielen Fotos des Co-Autors und Fotografen-Freundes Harald Hauswald. Es ist ein Beleg einer lustvoll gelebten Ost-Identität und Ausdruck oppositionellen Verhaltens gegen den Staat gleichermaßen. Als Liebeserklärung an eine Stadt erschien kürzlich die 4. erweiterte Auflage. Eine neue Liebesgeschichte spielt auf dem und am Rande des Berliner Alexanderplatz – die Fortsetzung der Großstadtbeschäftigung. Komisches und Tragisches verknüpft sich mit einem raffiniert eingesetzten Tupfer pupertärer Erotikerinnerungen. Ähnlich einem Archäologen legt der Autor in seiner Kurzgeschichte verschiedene Schichten des Vergangenen frei. Versteckspiele, um ins Offene zu finden.
Der Autor stellt auch kurz sein neues Bilderbuch für Erwachsene „Im Lande des Kohls“ vor. Eigentlich ist das schrill komische Buch vor 25 Jahren in minimaler Auflage zu hohem bibliophilen Preis schon einmal erschienen – es handelt von einem Land, in dem es ständig Kohl zum Essen gibt. Und die Minister für innere und äußere Ruheundordnung Putsche nach festgelegten Regularien vorbereiten. Heute denkt man dabei an so manchen immer noch autoritär durch-herrschten Staat, Usbekistan oder Weissrußland lassen grüßen. Damals druckte der Kleinverleger den Autorennamen falsch und war darüber so gegrämt, das er keinerlei Werbung für das Buch machte. Und am Ende gibt es eine aktuelle Glosse und eine Kindergeschichte und sicher ein paar verblüffende Bemerkungen zur Kinderliteratur.
Für Rathenows Bücher gilt weiter, was ein Kritiker des MDR-Fernsehens so zusammenfasste: Man wisse bei Rathenow nicht, ob seine Figuren an den Spätfolgen der DDR oder den Frühschäden der Big-Brother-Medien-Gesellschaft litten. Ob Rathenow mit einem Auszug aus einem neuen Kinderbuch oder einem aktuellen politischen Text schließt, entscheidet er spontan vor Ort.
Auszug aus „Ostberlin- Leben vor dem Mauerfall“ , Jaron-Verlag, 1987/ 2005 (4. Auflage 08) Ein Hauch von Welt ist eine Brise aller Probleme. Es gibt fast al1es hier, was es im Westen gibt, nur versteckter oder ganz verborgen. Man könnte skandalöse Details summieren und entlockte dem Leser ein gehöriges Erstaunen. Oder die Bestätigung alter Vorurteile. Doch diese Geschichten werden in einem Ton empörter Zufriedenheit erzählt, der sich beweist, nicht ganz ausgeschlossen von der Welt zu sein. Wir haben auch unsere Mörder, Rauschgiftsüchtigen, kleinen und großen Kriminellen. Wir leben also nicht ganz hinter dem Mond.Das Trinkwasser verseucht? Ein Marzahner Neubau versackt im sumpfigen Boden? In der Klinik darf der Schrank mit den Westmedikamenten erst bei unmittelbarer Todesgefahr geöffnet werden? Aha, das Leben ist nicht so langweilig hier, wie es das manchmal zu sein scheint. Gefahren regen die Phantasie an. Süchtig nach Negativem, löst eine Horroranekdote die nächste ab. Mit heimlichem Vergnügen werden Katastrophen geschlürft.Und wer das Leben mehr hebt als imaginäre Sicherheiten, nimmt das als erfrischende Dusche. |
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